„Jungs wollen einen muskelgestählten Traumkörper“

Schlank sein. Fit sein. Schön sein. Der Kult um den eigenen Körper ist allgegenwärtig. „Gerade junge Menschen und Jugendliche sehen sich dem Druck ausgesetzt, dem gängigen Schönheitsideal entsprechen zu müssen“, sagt der Mannschaftsarzt des VfB Stuttgart Professor Dr. Dr. Heiko Striegel. Am Rande des Fachtages „Bodycult“ sprach er mit Sylvia Rizvi über Leistungsdruck und Doping im Alltagssport.

Was interessiert den Mannschaftsarzt des VfB am Doping im Alltagssport?

Ich beschäftige mich nun schon seit mehr als zehn Jahren mit Doping, sowohl im Leistungs-, als auch im Freizeit- und Fitness-Sport. Der Freizeit- und Fitness-Sport ist für mich vor allem deshalb von besonderem Interesse, da in diesem Bereich weit mehr Sportler unerlaubte Dopingsubstanzen konsumieren als im Leistungssport. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Gesundheit des einzelnen Sportlers, sondern auch eine immense gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Dimension. Nach meinen gemeinsamen Studien mit Perikles Simon und Rolf Ulrich an der Universitätsklinik Tübingen ist davon auszugehen: In Deutschland haben allein im Fitness-Sport zirka 750.000 Menschen schon einmal zu Dopingsubstanzen gegriffen. Viele tun dies über einen längeren Zeitraum hinweg. Wenn jeder von ihnen wegen des Missbrauchs auch nur einen Tag in einer Klinik verbringt, entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von 250 Millionen Euro.

Der Kult um den eigenen Körper verführt Jugendliche zum Doping. Welche Substanzen werden vor allem geschluckt?

Bezogen auf den Fitness-Sport werden vor allem anabole Steroide konsumiert. Diese sollen einen schnelleren Muskelaufbau und gleichzeitig eine Reduktion des Körperfetts bewirken. Anfällig für diese Substanzen sind Jungs und junge Männer. Ihr Ziel ist es, einen muskelgestählten Traumkörper zu erreichen, so wie wir ihn von vielen Hochglanzmagazinen her kennen.

Welche schädlichen Folgen beobachten Sie?

Anabole Steroide können eine ganze Reihe schwerwiegender Nebenwirkungen verursachen, die von Anzahl der konsumierten Wirkstoffe, deren Einnahmedauer und der Dosierung der jeweiligen Substanzen abhängig sind. Hervorzuheben sind vor allem die langfristigen Nebenwirkungen wie Leber- oder Nierenschädigungen, die Auslösung bösartiger Krebserkrankungen sowie Schädigungen am Herz-/Kreislaufsystem mit den Folgen von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Problematisch sind darüber hinaus auch die Auswirkungen auf die Psyche. So kommt es beim Konsum von anabolen Steroiden zu einer Steigerung der Aggressivität und, nachdem die Substanzen wieder abgesetzt werden, zu depressiven Zuständen bis hin zu Suiziden. Bei Frauen kommt es zu Vermännlichungserscheinungen wie eine tiefe Stimme oder die Zunahme der Sekundärbehaarung.

Wie können Schulen und Sportvereine helfen?

Aus meiner Sicht haben die Schulen eine ganz wichtige Funktion in der Prävention. Regelmäßige Aufklärungsmaßnahmen über die potenziellen Nebenwirkungen des Gebrauchs von Dopingsubstanzen und insbesondere anaboler Steroide sind aus meiner Sicht dringend notwendig. Die Aufklärung über Nebenwirkungen ist jedoch nur das eine. Für noch wichtiger halte ich Maßnahmen, um tatsächlich eine Änderung des Verhaltens bei Jugendlichen zu erreichen. Sie sollten in einem Alter begonnen werden, bevor die Jugendlichen erstmals Kontakt mit Dopingsubstanzen haben, das heißt im Alter von 13 bis spätestens 15 Jahren.

Und die Jugendlichen stellen ihre Ohren nicht auf Durchzug?

Ich habe mit meiner Mitarbeiterin Claudia Driehorst in den letzten beiden Jahren in mehreren Schulen unter wissenschaftlicher Begleitung untersucht, ob Anti-Doping-Präventionsmaßnahmen tatsächlich zu einer verbesserten Kenntnis über die negativen Wirkungen von Doping führen. Weiter untersuchten wir, ob sich eine Veränderung der Einstellung hierzu erreichen lässt. Hinsichtlich beider Fragestellungen konnten wir sowohl einen kurzfristigen als auch einen nachhaltigen langfristigen positiven Effekt nachweisen. Neben den Schulen sind Sportvereine sicherlich weitere wichtige Multiplikatoren in der Prävention. Letztlich können Anti-Doping-Maßnahmen in Schulen in wesentlichen Teilen auf die Präventionsarbeit in Sportvereinen übertragen werden.

Was können Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendhilfe tun?

Sie haben häufig einen wesentlich engeren Kontakt zu den Jugendlichen als Lehrer in der Schule. Das heißt, sie sind einfach näher dran. Umso mehr besteht auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf Jugendliche, gerade bei sensiblen Themen. Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendhilfe sollten daher auch in der Dopingprävention weitergebildet sein.

Das Landesjugendamt beim KVJS fördert die Suchtprävention unter anderem durch Fortbildungen. Wie könnte der KVJS Suchtprävention zusätzlich fördern?

Die Suchtprävention hat sich in Bezug auf den Konsum legaler und illegaler Drogen seit vielen Jahren etabliert. Anders sieht dies im Bereich des Gebrauchs von Dopingsubstanzen und insbesondere anabolen Steroiden aus. Hier würde ich mir mehr Anti-Doping-Maßnahmen in der Jugendarbeit und Fördergelder für Modellprojekte wünschen.

Foto von Prof. Dr. Dr. Heiko Striegel
Professor Heiko Striegel hält mehr Anti-Doping-Maßnahmen in der Jugendarbeit und Fördergelder für Modellprojekte für dringend erforderlich.

zur Person

Professor Dr. med. Dr. jur. Heiko Striegel ist Mannschaftsarzt des Fußball-Bundeserstligisten VfB Stuttgart. Er ist stellvertretender ärztlicher Direktor der Sportmedizin des Universitätsklinikums Tübingen.

Er informierte am 13. März 2012 auf der Fachtagung „BodyCult – das ‚neue‘ Körperbewusstsein von Jugendlichen“ über Doping im Alltagssport. Veranstalter der Tagung war die Arbeitsgruppe Suchtprävention des Sozialministeriums in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Stuttgart und dem KVJS.

Anabole Steroide

... sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg entwickelt und sollten entkräfteten und unterernährten Kriegsgefangenen bei der Genesung helfen. Außerdem wurden sie aufgrund ihrer Eiweiß aufbauenden Wirkung bei Muskelerkrankungen und als Mittel gegen Blutarmut eingesetzt.