Praxisbeispiel aus dem Inklusions- und Integrationsamt

Wenn das Exo-Skelett den Arm führt und warum das ein Glücksfall für einen jungen Friseur ist

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Arbeiten Hand in Hand (v. l. n. r.): Daniel Krämer (Technischer Berater KVJS), Ahmet Günes und Simon Rosewich (Orthopädie-Techniker-Meister)
© Monika Kleusch

Der Kamm in seiner rechten Hand fährt mit routinierten Bewegungen durch das volle Haar des jungen Mannes in dem Frisierstuhl vor ihm. Durchkämmen, Spitzen schneiden. Seit vielen Jahren eingeübte Bewegungen, die Ahmet Günes im Barber­shop Eliyas in Lahr macht – und doch ein kleines Wunder. Denn eigentlich kann der Friseur den rechten Arm nicht selbständig bewegen. Unterstützt wird er von einem speziell für ihn angefertigten Exo-Skelett. Aber der Reihe nach.

Da war dieser Unfall beim Fußball, der Ahmet Günes ins Krankenhaus brachte. Bei der anschließenden Untersuchung stellt sich heraus, dass er neben der Sport­ver­letzung ein viel gravierenderes Gesundheitsproblem hatte: einen bösartigen Tumor im Bereich des rechten Oberarms. „Ich hatte Glück“, kommentiert der junge Familienvater den damaligen Befund. „Ich hatte keine Schmerzen, habe nichts vom Tumor gemerkt.“ Der Krebs hätte noch wer weiß wie lange unentdeckt bleiben und wachsen können. Mit dem Tumor mussten der Oberarmknochen sowie Teile des Schultergelenks und der Muskulatur entfernt werden. Damit war ein eigenständiges Heben des rechten Arms nicht mehr möglich. Ahmet Günes musste um seine wirtschaftliche Zukunft und die seiner Familie bangen.

Ein glücklicher Zufall

Doch da war dieser zufriedene Kunde, der regelmäßig in den Barbershop kam: Simon Rosewich. Orthopädie-Techniker-Meister und Werkstattleiter Orthopädietechnik bei Schaub, dem großen Freiburger Sanitätshaus. Als Ahmet Günes zur Hilfsmittel­versorgung ins Sanitätshaus Schaub kam, hatte Rosewich eine Idee: Ein Exo-Skelett, das die Führung des Arms übernehmen kann. Rosewich, dessen Spezialgebiet die Versorgung der oberen Extremitäten ist, übernahm eine herausfordernde Aufgabe. 

Der Orthopädie-Techniker-Meister wusste, dass gerade ein bundesweites For­schungs­projekt des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung zur körperlichen Entlastung von schwerbehinderten Beschäftigten durch Exoskelette läuft und nahm Kontakt zu der Forschungsgesellschaft auf. „Wir haben vielleicht fünf oder sechs Exoskelette ausprobiert“, erklärt er. Aber keines wollte so richtig zu den Anforderungen von Ahmet Günes passen.

Über einen Tipp des Fraunhofer-Instituts kamen Günes und Rosewich auf den Technischen Beratungsdienst (TBD) des Inklusions- und Integrationsamts beim KVJS, denn der TBD beteiligt sich an dem Forschungsprojekt zu Exo-Skeletten. Zwar kam der Friseur aus Lahr nicht für das Projekt infrage, da er seinen Arm nicht selbständig heben kann, aber dafür hatte er nun Kontakt zu der Stelle, die für die Förderung von berufstätigen Menschen mit Behinderung zuständig ist. Und zwar nicht nur mit Rat und Tat, sondern auch wenn nötig mit einer Finanzspritze.

Maßgefertigte Unterstützung

Mittlerweile sah Simon Rosewich für den 29-jährigen Familienvater ein individuell maßgefertigtes Hilfsmittel vor: „Ich habe ein konfektioniertes Modell weiter­ent­wickelt“, erklärt er. Kernelemente des angepassten Exo-Skelettes sind zwei über den Rücken verlaufende geprägte Federn. Der Orthopädie-Techniker-Meister passte deren Stärke so lange an, bis deren Spannung flüssige Bewegungen des Arms möglich machten. Sind die Federn zu stark, kann der Arm gehoben, aber nicht gebeugt werden, sind sie zu schwach, kann der Arm nicht richtig geführt werden und baumelt herum. Das verlangt viel Fingerspitzengefühl – das zum Glück nicht nur Simon Rosewich, sondern auch Ahmet Günes immer noch hat.

Im April kam schließlich der große Moment: Ahmet Günes probierte zum ersten Mal das neue Exo-Skelett an. Rosewich fasst das Resultat in einem schlichten Satz zusammen: „Es war ein voller Erfolg.“ Aktuell arbeitet er am Feinschliff des Fein­schliffs des Fein­schliffs auf dem Weg zur Perfektion.

Ahmet Günes trägt und testet das Exo-Skelett aktuell phasenweise. Für das Anlegen des Exo-Skeletts braucht er heute mit Unterstützung zwei Minuten und ohne Hilfe fünf Minuten, wie er schätzt. Er ist aber zuversichtlich, dass er bald wieder voll durchstarten und sich der Verschönerung seiner Kunden widmen kann. Und Fußball spielt er auch wieder. Ohne Hilfsmittel. Wie finden eigentlich seine Kinder ihren Vater mit dem Exo-Skelett? „Papa, du bist jetzt der Terminator“, gibt Ahmet Günes den Kommentar seiner Kids wieder. Und es klingt stolz.

Ahmet Günes trägt das Exoskelett und kann seinen Arm wieder heben.
© Monika Kleusch

Ahmet Günes trägt das Exoskelett und kann seinen Arm wieder heben.

Simon Rosewich erklärt die Funktionsweise des Exoskeletts.
© Monika Kleusch

Simon Rosewich erklärt die Funktionsweise des Exoskeletts.